#neurodiversität #adhs #autismus #audhd #inklusion
> [!quote]+ Publication Status
> **Version:** 1.1 | **Status:** Polished draft pre feedback
> **First published:** 2025-08-17 | **Last updated:** 2026-02-09
# Neurodiversität, Autismus, ADHS & AuDHD – Ein Überblick Mit Ressourcen
*By [Florian Prittwitz-Schlögl](https://www.linkedin.com/in/prittwitzschloegl) · Licensed under [CC BY-SA 4.0](https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/).*
> [!tldr] TL;DR
> Dieses Dokument richtet sich an Menschen, die neugierig sind auf das Thema Neurodiversität – sei es, weil sie sich selbst besser verstehen möchten **oder** Menschen in ihrem Umfeld. Ziel ist ein **verständlicher, entlastender Einstieg** mit Beispielen, Mythenabbau und guten Startpunkten zum Weiterlesen.
> **Hinweis:** Dies ersetzt keine medizinische Diagnose oder Therapie. Gerade in Deutschland und Europa ist das Bewusstsein für Neurodiversität – z. B. Autismus, ADHS, AuDHD – erst in den letzten 10–15 Jahren gewachsen. Das spiegelt sich **noch nicht vollständig im Gesundheitssystem** wider; es gibt regional/individuell sehr unterschiedliche Wissensstände.
## 1) Neurodiversität – Ein Paradigmenwechsel
Neurodiversität beschreibt die **natürliche Vielfalt** neurologischer Profile (z. B. Autismus, ADHS). In den letzten 10–15 Jahren hat ein deutlicher **Paradigmenwechsel** stattgefunden: weg von reinem Defizit-/Störungsdenken, hin zu **Identität, Würde, Passung** und **Unterstützungsbedarf** je nach Kontext. In Deutschland ist dieser Wandel noch **uneinheitlich** umgesetzt, weshalb Fachmeinungen teils widersprüchlich sind.
Wesentliche Elemente dieses Paradigmenwechsels sind:
- Jede Person hat einen individuellen Neurotyp – eine individuelle Art & Weise, die Umwelt im Gehirn wahrzunehmen, zu verarbeiten, zu kommunizieren, zu denken, zu funktionieren etc.
- Neurodivergente Menschen – also Menschen, deren Neurotyp deutlich vom Bevölkerungsdurchschnitt abweicht – sind nicht krank, sondern einfach besonders, ähnlich wie Rechts- und Linkshänder:innen einfach unterschiedlich sind.
- Allerdings empfinden sich viele neurodivergente Personen als behindert – vor allem, weil Barrieren und Normen der nicht für ihren Neurotyp geschaffenen Umwelt Probleme bei der Interaktion verursachen (Soziales Modell der Behinderung); aber (teilweise) auch, weil bestimmte Eigenschaften bestimmter Neurotypen in sich behindernd sein können.
- Unter anderem wissen wir aus der Forschung, dass die im klinischen Bereich bekannten Bilder von ADHS und Autismus dazu führen, dass Individuen mit diesem Neurotyp eine höhere Wahrscheinlichkeit haben für unterschiedlichste Herausforderungen – die dann auch zu diagnosewürdigen Problemen mit der mentalen Gesundheit führen können. Mit anderen Worten: ADHS und Autismus werden aus dieser Perspektive **nicht** als psychische Erkrankungen gesehen, wohl aber als Risikofaktoren für Diagnosen wie z. B. Depression oder PTBS.
- Das Alltagsbild sowie das vorherrschende Bild von Neurodivergenz, insbesondere Autismus und ADHS, im medizinischen Bereich ist stark geprägt von Stereotypen, Vorurteilen und Halbwissen, was zu signifikanter Unterdiagnostik und unzureichenden Unterstützungsangeboten führt, insbesondere für Frauen, queere Personen, People of Color und andere benachteiligte Gruppen.
- Im Bereich des Autismus ist besonders das Stereotyp der mangelnden Empathie vorherrschend – und bis heute zwingendes Diagnosekriterium. Das sehr plausible Theoriemodell *Double Empathy Problem* erklärt dies durch wechselseitige Schwierigkeiten zwischen neurodivergenten und nicht neurodivergenten Personen, die sich schlicht gegenseitig nicht immer verstehen können.
**Kernressource zum Einstieg**
- Jac den Houting – *Why everything you know about autism is wrong* (TED)
<https://www.ted.com/talks/jac_den_houting_why_everything_you_know_about_autism_is_wrong>
## 2) AuDHD – Wenn Autismus & ADHS Zusammentreffen
**Worum geht es hier?**
**AuDHD** bezeichnet das **Ko-Vorkommen** von Autismus **und** ADHS. Diese Kombination ist häufiger als lange angenommen, wurde aber in Diagnosesystemen/Versorgungswegen oft **übersehen**. In DE/EU ist die praktische Kenntnis dazu **heterogen**.
- **Innere Dynamik:** Struktur-/Vorhersehbar-Bedürfnis (autistisch) ↔ Variabilität/Impulsivität (ADHS).
- **Masking & 2e (twice-exceptional):** Hochbegabung ist **unabhängig**, kann aber Merkmale **kompensieren oder überdecken**; außen „funktional“, innen hoher Energiepreis.
- **Stärken:** Originelle Problemlösung, tiefer Systemblick, kreative Muster.
> **Beispiel:** Lebenslang Ordnungssysteme bauen, sie später nicht nutzen – das Spannungsfeld kann mit AuDHD verständlich werden.
**Kernressource:**
- Embrace Autism – *An Introduction to AuDHD*
<https://embrace-autism.com/an-introduction-to-audhd/>
- Differentialdiagnose ADHS - Autismus: <https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-0959-2034.pdf>
**Weitere Ressourcen:**
- La Concierge Psychologist: <https://laconciergepsychologist.com/blog/audhd-autism-and-adhd/>
- Augmentive (Frauen/Mädchen): <https://augmentive.io/blog/signs-audhd-women-girls>
- Yo Samdy Sam (YT): <https://youtu.be/pMx1DnSn-eg>
## 3) Autismus – Vielfalt, Masking & Stärken
**Worum geht es hier?**
**Autismus** ist eine **neuroentwicklungsbezogene** Besonderheit mit frühem Beginn und lebenslanger Ausprägung. Diagnosesysteme beschreiben **zwei Kernbereiche**:
1. Unterschiede in **sozialer Kommunikation/Interaktion**;
2. **eingeschränkte/repetitive Muster** (Interessen, Routinen, Bewegungen), wozu heute auch **sensorische Besonderheiten** (Über-/Unterempfindlichkeit) gezählt werden.
Autismus ist ein **Spektrum** vielfältiger Profile (kein linearer „leicht-bis-schwer“-Balken); **Unterstützungsbedarf** kann je nach Kontext/Phase stark variieren.
Wichtige Begriffe sind:
- **Masking:** Kognitives Lernen sozialer Codes statt intuitiver Verarbeitung – wirksam, aber energiekostend.
- **Hochbegabung ist unabhängig:** Sie kann Autismus **verdecken**, macht ihn aber **nicht** aus.
- **Mögliche Stärken:** Detailgenauigkeit, Authentizität, Loyalität, tiefer Fokus, originelle Denkmuster.
> **Beispiel:** „Info-Dumping“ – lange, detaillierte Erklärungen. Mit Klarheit lässt es sich transparent handhaben („Unterbrich mich gern“).
**Kernressource:**
- <https://embrace-autism.com/>
**Weitere Ressourcen:**
- Autism from the Inside (YT): <https://www.youtube.com/@autismfromtheInside>
- Devon Price – *[[Unmasking Autism]]*:
<https://rauchundkoenig.buchhandlung.de/shop/article/45413378/devon_price_unmasking_autism.html>
- Laura Kate Dale – *Stories of Autistic Joy*:
<https://rauchundkoenig.buchhandlung.de/shop/article/50488618/laura_kate_dale_stories_of_autistic_joy.html>
- NAS UK – Autistic women and girls:
<https://www.autism.org.uk/advice-and-guidance/topics/identity/autistic-women-and-girls>
- Monotropism (Theoriemodell): <https://monotropism.org/>
**Selbsttests (Hinweis: Screening ≠ Diagnose):**
Empfehlung für Erwachsene: Tests in dieser Reihenfolge.
1. **CAT-Q** (Masking): <https://embrace-autism.com/cat-q/> - hilft einzuschätzen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass autistische Züge verborgen oder kompensiert werden. Bei hohem CAT-Q Wert können die Werte in den folgenden Tests zu niedrig ausfallen (d.h. Autismus wird fälschlicherweise nicht erkannt)
2. **RAADS-R**: <https://embrace-autism.com/raads-r/> - hilft auch autistische Züge bei untypisch präsentierenden Erwachsenen zu identifizieren
3. **AQ-10**: <https://embrace-autism.com/aq-10/> - Standard Autismus Test (kurze Version, auf der Website findet sich auch eine ausführliche Version)
*Wichtig*: Viele nicht erkannte Erwachsene erhalten zunächst zu geringe Punktzahlen, da Fragen zu wörtlich interpretiert und/oder Auffälligkeiten heruntergespielt werden können, auch vor sich selbst. Bei Verdacht in jedem Fall weiter mit dem Thema beschäftigen und ggf. fachliche Unterstützung von Neurodivergenz affirmierenden Kliniker:innen hinzuziehen.
Meine persönliche Erfahrung: mit der Zeit bekommt man ein ziemlich klares Gefühl, ob die beschriebenen Phänomene in ihrer Gesamtheit “passen”.
## 4) ADHS – Erwachsene Formen & Potenziale
**Worum geht es hier?**
**ADHS** ist **kein Aufmerksamkeitsmangel**, sondern betrifft die **Regulation** von Aufmerksamkeit, Motivation und Emotion. Neurobiologisch sprechen viele Befunde für eine **Dysregulation** dopaminerger und noradrenerger **Netzwerke** (z. B. frontostriatal, präfrontal); das ist ein **führendes Modell**, nicht die alleinige Erklärung. Die Ausprägung ist **heterogen**.
Typische Muster: **Impulsivität**, **Prokrastination**, **Zeitblindheit** („Now/Not-Now“), **Reizoffenheit** und erhöhte **Stresssensibilität**; häufig **emotionale Dysregulation**.
Moderne ND-Perspektive: andere Funktionsweise mit **Risiken und Stärken**.
- **Mythos:** „Faulheit/Unwille“.
- **Fakt:** Steuerungssysteme arbeiten anders; Rahmen und Passung sind entscheidend.
- **Stärken:** Hyperfokus, Ideenfülle, Empathie, schnelles Mustererkennen.
> **Beispiel:** Pendeln zwischen kreativer Spontaneität und tiefem Hyperfokus – anstrengend, aber nutzbar mit passenden Strategien.
**Kernressource:**
- ADxS – Symptomübersicht: <https://www.adxs.org/en/page/17/symptoms>
**Weitere Ressourcen:**
- Cleveland Clinic – ADHD in women: <https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/24741-adhd-in-women>
- ADxS – Treatment overview: <https://www.adxs.org/en/page/570/chapter-overview-treatment-medication-for-adhd>
**Selbsttests (Screening):**
- ADxS – Large ADHD symptom test: <https://www.adxs.org/en/page/296/large-adhd-symptom-test>
- Psychology Today – ADHD Test: <https://www.psychologytoday.com/us/tests/health/adhdattention-deficit-disorder-test>
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## 5) Queere Perspektiven & Intersektionalität
**Worum geht es hier?**
Queere Identität und Neurodivergenz **überschneiden** sich oft. Gemeinsame Erfahrungen: Masking, Normdruck, „Anderssein“. Intersektionale Faktoren (z. B. Gender, Herkunft, Klasse, Migration) beeinflussen **Erkennung**, **Zugang** und **Unterstützung**.
Mehrfache Zugehörigkeiten bedeuten Herausforderungen **und** Perspektivenvielfalt. Im Bereich Neurodivergenz führen sie jedoch häufig zu signifikanter Unterdiagnostik und damit einhergehenden Schwierigkeiten bei der Selbstfindung und beim Zugang zu Ressourcen.
## 6) Warum Hilft Es, Den Eigenen Neurotyp Zu Kennen?
**Worum geht es hier?**
Klarheit über den eigenen Neurotyp liefert **Sprache** für Erfahrungen, reduziert Selbstvorwürfe und öffnet Wege zu **Community** und **passenden Strategien** – für sich selbst **oder** um andere besser zu verstehen.
- **Sprache & Verständnis:** Erklärungsrahmen statt Selbstzuschreibungen („Ich bin falsch“).
- **Identität & Entlastung:** „Ich bin kein Problem – ich habe ein Profil.“
- **Community & Wege:** Austausch, Anpassungen, Unterstützung.
Dieser Weg der Selbsterkenntnis ist zunächst einmal völlig unabhängig von einer möglicherweise später zu suchenden medizinischen Diagnose, insbesondere für Menschen, die im Alltag gut „funktionieren“.
## 7) Häufige Irrtümer – Kurz Entkräftet
**Worum geht es hier?**
Kurzkorrekturen zu verbreiteten Mythen:
- **„Autist:innen sind gefühllos.“** – Häufig hohe Sensitivität; Unterschiede liegen in Signalverarbeitung/Kommunikation, möglicherweise größtenteils wechselseitig Missverständnisse zwischen Autist:innen und Allist:innen
- **„ADHS = Faulheit.“** – Abweichende Steuerung, nicht Willensschwäche.
- **„Erfolg schließt ND aus.“** – Masking und Intelligenz können viel kaschieren – oft mit Kosten.
- **„Diagnose macht abhängig.“** – Sie kann entlasten und Wege öffnen.
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## 8) Weiterführende Links (Auswahl)
- **Steve Silberman – *Neurotribes***
Sachbuch zur Geschichte von Autismus/Diagnostik; erklärt den Paradigmenwechsel (allerdings mit starkem Fokus auf männliche Perspektiven).
<https://rauchundkoenig.buchhandlung.de/shop/article/29169747/steve_silberman_neurotribes.html>
- **Matt Haig – *The Humans***
Roman eines AuDHD-Autors, verfasst vor dessen eigener Selbsterkenntnis. Spiegelt das autistische Gefühl des „Wrong Planet Syndroms“ auf sehr eindrückliche und liebevolle Art und Weise.
<https://rauchundkoenig.buchhandlung.de/shop/article/50197845/matt_haig_the_humans.html>
- **Val Neil – „Accidentally Autistic (The Queen’s Gambit)“**
Essay über autistische Lesarten in Popkultur und Selbstwiedererkennen anhand einer der spannendsten autistischen Figuren im aktuellen Mainstream.
<https://valneil.com/2020/10/30/accidentally-autistic-the-queens-gambit/>
- **Easterseals – 10 Insightful TED Talks on Disability & Inclusion**
Kuratierte Vorträge zu Behinderung, Barrieren, Inklusion.
<https://easterseals.ca/en/10-insightful-ted-talks-about-disabilities-accessibility-and-inclusion/>
- **Wikipedia – Neurodiversity / Social model / Double empathy problem**
Einführungen in Begriffe und Theoriemodelle.
<https://en.wikipedia.org/wiki/Neurodiversity>
<https://en.wikipedia.org/wiki/Social_model_of_disability>
<https://en.wikipedia.org/wiki/Double_empathy_problem>
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